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In was für einer Krise befinden wir uns?
von : Juan Chingo

16 Jan 2016 | Die ganze Welt fürchtet eine „harte Landung“ Chinas. Trotz der enormen Krise im Mittleren Osten fallen die Ölpreise weiter. Die wirtschaftliche Lage der Schwellenländer verschlechtert sich weiter. All das bestätigt, was wir schon vor zwei Jahren erkannten: Wir befinden uns in der dritten Phase der Weltwirtschaftskrise, die 2007/8 (...)
In was für einer Krise befinden wir uns?

Die ganze Welt fürchtet eine „harte Landung“ Chinas. Trotz der enormen Krise im Mittleren Osten fallen die Ölpreise weiter. Die wirtschaftliche Lage der Schwellenländer verschlechtert sich weiter. All das bestätigt, was wir schon vor zwei Jahren erkannten: Wir befinden uns in der dritten Phase der Weltwirtschaftskrise, die 2007/8 begann.

Die Rohstoffpreise fallen und die Währungen der „Schwellenländer“ verlieren an Wert. Das führt dazu, dass es diesen Ländern (und besonders ihren Unternehmen und Finanzinstituten) immer schwerer fällt, die riesige Summe an Schulden in Dollar bezahlen zu können. Die große Unbekannte ist die Frage, ob diese Entwicklung mit der Stärkung des Dollar zu einer Situation führen wird, wie während der lateinamerikanischen Schuldenkrise der 1980er-Jahre oder während der Asienkrise Ende der 1990er.

Das Jahrzehnt der wachsenden Wirtschaften in den „Schwellenländern“ ist vorbei. Trotz der Anhäufung von Reserven in Zeiten des Aufschwungs entwickelte sich seit 2008 gleichzeitig eine riesige Kreditblase von 9,1 Billion US-Dollar.

Diese Blase beginnt nun im Rahmen einer sich verlangsamenden Weltwirtschaft zu platzen. Einerseits gibt es hierfür interne Gründe, wie die Grenzen des Entwicklungsmodells in China oder die Abhängigkeit vom Rohstoff-Export in anderen Ländern. Andererseits gibt es aber auch externe Gründe. So endet die Politik des Quantitative Easing der US-amerikanischen Zentralbank Federal Reserve (Fed), selbst wenn die erste Zinssatzerhöhung seit sieben Jahren noch gering ausfiel.

Der Baltic Dry Index, der die Gebühren für den Schiffshandel bemisst und als Indikator für die Dynamik des Welthandels dient, befindet sich auf dem niedrigsten Stand in den letzten 30 Jahren. Sein unaufhaltsamer Fall seit seinem Höchststand 2008 macht zwei bedrohliche Realitäten deutlich: Auf der einen Seite existieren immer größere Überkapazitäten durch die Überproduktion an Schiffen. Dies kann zu einer Reihe von Einbrüchen in einer Industrie führen, die seit acht Jahren auf ein Verschwinden der Überkapazitäten hofft. Auf der anderen Seite – und das ist wesentlich problematischer – deutet es das geringe Wachstum des weltweiten Handels an, dass sich laut der Welthandelsorganisation schon über mehrere Jahre hinwegzieht. 2015 war ein besonders schweres Jahr, da die Rezession in Brasilien und die Verlangsamung in China zusammenkamen. Für 2016 wird eine mehr als besorgniserregende Verschlechterung vorausgesagt. Die kürzlich veröffentlichten Wirtschaftsdaten aus China, den USA und Indien lassen an den Wachstumserwartungen der Weltwirtschaft zweifeln. Die Weltbank hat ihre Vorhersage schon auf 2,9 Prozent für 2016 (und auch die für 2017) herabgesetzt. Das sind 14 Prozent weniger, als die Weltbank noch im Juli 2015 für 2016 prognostizierte.

2016: Das Jahr der staatlichen Nichtzahlungen?

Ende letzten Jahres veröffentlichte Carmen Reinhart einen Artikel, in dem sie 2016 das Jahr der staatlichen Nichtzahlungen nannte. Sie bezog sich dabei auf den Schuldenberg der „Schwellenländer“, der Großteils 2016 und 2017 fällig wird.

Tatsächlich sind die Dollar-Schulden der Länder im Vergleich zu anderen Perioden geringer, doch diese werden von den Dollar-Schulden der Unternehmen an den Anleihemärkten außerhalb der Banken überstiegen. Der so nie da gewesene, uneingeschränkte Zugang zu den weltweiten Kapitalmärkten ermöglichte es den Banken und Unternehmen der Schwellenländer, sich riesige Geldmengen zu historisch niedrigen Zinsen (1 Prozent) zu leihen. Ein besonders beliebtes Finanzinstrument war die Ausgabe von Schuldscheinen in ausländischer Währung, welche ihnen von den Manager*innen von riskantem Finanzkapital aus den westlichen Ländern praktisch aus den Händen gerissen wurde, in ihrer Gier nach Riesengewinnen. Diese internationalen Schuldentitel kommen insgesamt auf einen Wert von 2,6 Billionen Dollar. Drei Viertel davon sind in Dollar denominiert, wie die Internationale Bank für Zahlungsausgleich (BIZ) berichtet.

Unter den Bedingungen des enormen Weltverfalls des Öls und anderer Rohstoffe sind solche Schuldenberge für die Schwellenländer, die eine enorme Verlangsamung des Wachstums erleben, nicht mehr zu halten. Noch viel mehr gilt das für die von der Rezession getroffenen Ländern Russland, Brasilien und Südafrika. Das wird sicherlich wiederum zu einem weiteren Verfall der Währung führen, was Kapitalflucht, einen geringeren Kreditrahmen, den Stopp der Investitionen, die Zunahme der Inflation und die Unfähigkeit von Regierung und Unternehmen, die Schulden zu refinanzieren, bedeuten würde.

Die Bedrohung der großen Yuan-Abwertung

Es ist offensichtlich, dass die Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft wesentlich stärker ist, als es die offiziellen Zahlen deutlich machen. Doch das größere Problem ist, dass die Schulden immer noch schneller wachsen als das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) und die Überkapazitäten große Probleme bereiten.

Tatsächlich verlief der Kredit- und Schuldenboom nach dem Fall von Lehman Brothers in den USA und China im Gleichschritt. Während die US-Staatsschulden in sechs Jahren um 150 Prozent zunahmen und die Bilanz der Fed um 400 Prozent anstieg, strömte dieser Dollar-Überschuss in die People’s Bank of China (Chinesische Volksbank, PBOC, die chinesische Zentralbank). Gleichzeitig eröffnete die PBOC den Weg zu einem historischen internen Kreditboom. Diese Kredite machten einen dramatischen Aufschwung der Kapazitäten im produzierenden Gewerbe und des Wohnungsbaus möglich. Diese „Kreditblase“ war ebenso wichtig für die Blase der Schwellenländer, in denen die Rohstoffexporte eine zentrale Rolle spielen, die nun einen Höhepunkt der billigen Finanzierung erlebten.

Diese Entwicklung wurde durch die Anbindung der chinesischen Währung an den Dollar vereinfacht. Der „feste Dollarwechselkurs des Yuan stellte sicher, dass als die Finanzströme nach China gelangten, diese sich in der Bilanz der PBOC leicht in Yuan umwandeln ließen und direkt in den Aktivamarkt („securities“) der USA angelegt werden konnten. Diese enge Bindung an den Dollar erleichterte auch große Spekulationsflüsse.

Doch die Existenz von starken, neu erschaffenen Interessen sowie die Angst der Bürokratie vor einer sozialen Erhebung verhindern, dass sie mit der notwendigen Umstrukturierung der ineffizienten Unternehmen voranschreitet. Anstelle dessen hält sie sie künstlich am Leben. Die dadurch entstehenden Probleme sind groß: Die Überkapazität liegt schon bei 40 Prozent und in einigen Industriezweigen sogar bei 50 Prozent, was der Wirtschaft große Schwierigkeiten bereitet. Zuerst, weil das Umlaufkapital – welches die Kosten davon trägt, die Aktivität aufrechtzuerhalten – die gesamten generierten Umsätze auffrisst und die Unternehmen dadurch sehr schwach sind. Zweitens, weil die Verschuldung, die durch den Bau von unnötigen Großprojekten der lokalen und nationalen Regierung entstanden ist, andere Sektoren ansteckt. Denn diese kommen nicht mehr an Kredite, jetzt wo der Finanzsektor schwächelt. Im Rahmen einer massiven Überkapazität, einer verringerten Gewinnmarge und einer zunehmenden finanziellen Anspannung befindet sich das produzierende Gewerbe in China der Verlangsamung der Weltwirtschaft und dem konkurrenzbedingten Preisdruck immer stärker ausgesetzt.

Der enorm aufgeblähte chinesische Finanzmarkt könnte noch verletzlicher sein. Die Aktiva chinesischer Banken erreichen Höchststände, die nach unabhängigen Schätzungen das drei- bis vierfache der Werte von 2008 betragen. Dabei wird der wichtige Sektor der „Schattenbanken“ nicht betrachtet, der offensichtlich eine Bastion der Risikoanleihen war.

Im Rahmen der Krise des chinesischen Wachstumsmodells und den wachsenden Schwierigkeiten, einen neuen Ausgleich zu finden, ist es unwahrscheinlich, dass die Ankopplung des Yuan an den Dollar stabil bleibt. Tatsächlich wird dieser Mechanismus immer unbrauchbarer für die chinesische Wirtschaft. Wenn ihre Währung weiterhin an den Dollar gekoppelt bleibt, wird diese sich stark aufwerten, was Chinas internationale Wettbewerbsfähigkeit bedroht. Wenn man zudem noch den großen Exportsektor und die soziale Stabilität in Betracht zieht, wird China seine Währung wahrscheinlich abwerten, was den aktuellen Währungskrieg und die Krise der sogenannten Schwellenländer noch verschärfen wird.

Genau diese Perspektive brachte die Börsen auf aller Welt zum Einsturz. Niemand ist auf die Konsequenzen einer 25-30 prozentigen Abwertung des Yuan vorbereitet. Die Abwertung um 10 Prozent und die zaghafte Zinserhöhung der Fed führten schon zu einem Preiseinsturz von 25 Prozent der Risikoaktiva von ihren Höchstwerten. Stellen wir uns also eine Abwertung vor, zu der sich die Bürokratie möglicherweise gezwungen sieht, um den über die letzten zehn Jahre angehäuften Schuldenberg in den Griff zu bekommen. Dies würde die Rohstoffmärkte beeinflussen, ebenso wie die Sektoren, die Produktionsgüter herstellen, die Fähigkeit der Rückzahlung der riesigen Verschuldung und die Zahlungsfähigkeit der Banken.

Dieses Manöver konnte die Bürokratie aus Peking sehr teuer zu stehen kommen. Auch wenn es das beste für den internen Ausgleich wäre, würde eine Neubewertung des Yuan zu großen Schwierigkeiten im Exportsektor führen, die vom politischen System nicht bewältigt werden können.

Die neue Phase der Weltwirtschaftskrise bringt die chinesische Bürokratie vor große Schwierigkeiten, die die Zukunft des Landes auf Jahre und Jahrzehnte hin bestimmen werden.

Zuerst veröffentlicht am 8. Januar 2016 auf laizquierdadiario.com

 

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