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Kapitalismus: Patient mit ungewisser Diagnose

16/10/2008

Nach dem Zusammenbruch der Börsenmärkte in der letzten Woche, in dessen Folge ein Zusammenbruch des Finanzsystems und der Beginn einer neuen Weltwirtschaftskrise drohte, haben die imperialistischen Regierungen, allen voran die europäischen Regierungen, die größten Rettungsaktionen der Banken und des Finanzsystems in der Geschichte des Kapitalismus angekündigt.

Die Tageszeitung „Financial Times“ hat berechnet, dass die europäischen Regierungen (einschließlich derjenigen, die nicht zur Eurozone gehören) insgesamt 1,873 Billionen Euro zur Verfügung gestellt haben - was ungefähr dem jährliche BIP Frankreichs entspricht - , um den Banksektor zu retten. Diese unermessliche Summe Geld, zu der man die von den Vereinigten Staaten zur Verfügung gestellten Summen sowie die Rettungsgelder weiterer länder wie Australien rechnen muss, lässt das Ausmaßes des Desasters erkennen. Dennoch waren diese millionenfache Finanzspritze und die „radikalen“ Maßnahmen, die die Regierungen der wichtigsten Mächte ergriffen haben, wie z.B. der Aufruf zur partiellen „Verstaatlichung“ der Banken -hierbei handelt es sich um eine kapitalistische Maßnahme zur Rettung der Bänker - nicht ausreichend, um den Absturz der Börsen nach einer kurzen Phase der Euphorie aufzuhalten. Ìber die Schwankungen der Wertpapiermärkte hinausgehend hat eine Zeitspanne begonnen, in der die wirtschaftlichen Perspektiven auf eine tiefgehende und andauernde Rezession weltweit hindeuten.

Um eine Metapher aus der Medizin zu verwenden: Am Kapitalismus ist eine erste, höchst komplexe Operation vorgenommen worden. Trotz der Reichweite des Eingriffes hat der Patient erste Lebenszeichen von sich gegeben. Seine Genesung wird langwierig und schmerzhaft sein und wird sicherlich weitere Operationen erfordern. Diagnose: sein Zustand liegt im Ungewissen.

Unerwartete Reaktion der wichtigsten europäischen Regierungen

Nach einer Woche tiefer Spaltung und einer Politik des „rette sich, wer kann“ haben die Regierungen der wichtigsten europäischen Mächte eine unerwartete Reaktion gezeigt, die die gemeinsamen Linien eines Rettungsplanes des Finanzsystems koordinieren. Dieser Plan soll von jeder Regierung auf nationaler Ebene umgesetzt werden. Diese Maßnahem wurden vom Gipfel der Eurogruppe (hierbei handelt es sich um die 15 länder, die zur Eurozone gehören) angenommen, unter der Federführung Großbritanniens, das zwar zur EU gehört, jedoch nicht den Euro eingeführt hat und seines Premierministers Gordon Brown. Angesichts des drohenden Zusammenbruches des britischen Bankensystems, das wegen seines großen Kreditrisikos und seiner Verschuldung zu den gefährdetsten Europas zählt, war Brown der Erste, der einen Plan zur tiefgreifenden staatlichen Intervention in das Bankensystem ausgearbeitet hat (welcher durchaus Züge einer „Verzweiflungstat“ trägt).

Die Organisationen der EU wie z.B. die EU-Kommission erwiesen sich als völlig hilflos angesichts der Krise und offenbarten dabei die strukturellen Schwächen der EU-Integration.

Der Plan der europäischen Regierungen beinhaltet drei Hauptkomponenten: 1. die staatliche Absicherung der Kredite zwischen Finanzinstituten, um die Kreditvergabe zwischen verschiedenen Banken wieder zu beleben; 2. die Rekapitalisierung mit öffentlichen Geldern der in Schwierigkeiten geratenen Banken mittels des Aufkaufes von Aktien und neuer buchungstechnische Normen; 3. der Kauf von „Schrott-Aktiva“, falls dies unvermeidbar sein sollte, obgleich es keinen gemeinsamen Rettungsfonds geben wird, vor allem da Deutschland Zweifel hegt, wer diese öffentlichen Gelder kontrollieren wird.

Diese Maßnahmen stellen eine beispiellose Intervention des Staates sowohl in den passiven der Banken (Verstärkung ihres Kapitals mit öffentlichen Geldern, Absicherung der Finanzierung des Großhandels durch die öffentliche Verwaltung, Gewährleistung des Kapitalflusses zwischen den Banken durch öffentliche Gelder, staatliche Garantien für sämtliche Spareinlagen) als auch in den Passiva (ein Teil der ungedeckten Kredite der Banken gehen über in die öffentliche Hand im Austausch gegen Bereitstellung von effektiver Liquidität. Ziel dieser Maßnahmen ist es, den wirtschaftlichen Zusammenbruch aufgrund fehlender Liquidität zu vermeiden. Aus diesem Grunde stellt vielleicht der Plan zur Absicherung der Kredite zwischen den Banken innerhalb eines Zeitraumes von 5 Jahren die wichtigste Maßnahme im Sinne der Aufrechterhaltung der Geldmärkte dar; hierbei geht es darum, die Blockaden des für das Funktionieren des gesamten Finanzsystems entscheidenden Kreditfluss, aufzulösen. Obwohl dies in der Theorie funktionieren könnte, sind die Anleihen nicht obligatorisch (d.h., sie implizieren keine obligatorische Rückerstattung). Bisher belaufen sich die Zahlungsverpflichtungen der länder auf : Deutschland, 500 Milliarden Euros, Frankreich 360 Milliarden; Spanien 150 Milliarden, Österreich 100 Milliarden etc. Der britische Premierminister verkündete, dass seine Regierung zum größten Aktionär der Royal Bank of Scotland (RBS) und der aus der Fusion zwischen Loyds TBS und der Halifax Bank of Scotland (HBOS) entstehenden Bankengruppe werde. Die Rechnung beträgt 37 Milliarden Pfund (46.472 Milliarden Euros), die die Steuerzahler im Austausch gegen Aktien der betroffenen Banken zahlen werden müssen.

Die Vereinigten Staaten bleiben hinter der EU zurück

Am 14. Dezember verkündete Henry Paulson, US-Finanzminister, nach langem Schweigen die Details des Planes zum Erwerb von Vorzugsaktien im Wert von 250 Milliarden Dollar auf der Grundlage des von der US-Staatsbank vorgeschlagenen Rettungsplanes, der zuvor bereits vom Kongress bewilligt worden war.

Paulson hatte sich zuvor mit den Managern der neun wichtigsten nordamerikanischen Banken getroffen und ihnen mitgeteilt, dass sie die „Kapitalspritze“ akzeptieren müssten und diese nicht auf freiwilliger Basis beruhe. Ziel der Zusammenkunft der neun Bankenchefs und der Festlegung auf die Teilnahme am Rettungsplan war es zu verhindern, dass eine Bank, die die staatliche Beteiligung annimmt, stigmatisiert würde und ein Wettlauf gegen sie ausgelöst werden könnte. Gleichzeitig beruhigte Paulson die Bankmanager, indem er ihnen versicherte, der Kauf der Vorzugsaktien werde die Macht der Aktionäre nicht auflösen, da zudem nur für 250 Milliarden Dollar Zinsen gezahlt werden müssten. Zudem werde von den Banken nicht gefordert, die Dividenden abzuschaffen und auch auf Rücktrittsforderungen der für das Desaster zuständigen Manager werde verzichtet. Es wurde lediglich auf der Grundlage des bereits verabschiedeten Gesetzes vereinbart, die Managergehälter zu begrenzen, wobei angesichts der Vergangenheit Paulsons als Manager von Goldman Sachs lediglich kosmetische Eingriffe zu erwarten sind. Dies bedeutet auch keine zwangsweise Umstrukturierung des Bankensystems, wie sie Schweden zu Beginn der 90iger Jahre vorgenommen hat, d.h. eine Konzentration der Investitionen auf diejenigen Banken, die als „zu retten“ gelten und die Anwendung von Strategien wie die Abschiebung von schlechten Aktiva zu Auktions-Instituten (was anlässlich der Krise der Spar- und Kreditinstitute S&L am Ende der 80iger Jahre passierte) für diejenigen, die nicht weiter funktionieren. Der Vorstoß Washingtons sieht weniger Bedingungen vor als sein europäisches Gegenstück; es handelt sich hierbei um eine skandalöse Rettungsaktion dessen, was vom nordamerikanischen Bankwesen übrig ist; sie zielt darauf ab, die partielle Konfiszierung des Kapitals der Bänker zu verhindern.

Der US-Einlagensicherungsfonds Federal Deposit Insurance Corporation wird seinerseits für die Bankeinlagen derjenigen Konten, die keine Zinsen bieten - hierbei handelt es sich i.d.R. um die Konten von Firmen - unbegrenzte Garantien gewährleisten; diese Maßnahme ist mit der von den europäischen Regierungen in der letzten Woche beschlossenen vergleichbar.

Das Weiße Haus kündigte den Kauf von Bankkrediten an, nachdem Großbritannien, Deutschland, Frankreich und die Europäische Union die Kapitalinjektionen veröffentlicht hatten, um die Finanzinstitute zu retten und der Krise entgegenzuwirken, die die internationalen Märkte zerstört.
Dieser neue Plan hat sich zum Ziel gesetzt, den Vereinigten Staaten zu helfen, sich auf die Stufe der europäischen länder zu stellen in einer Dynamik, die sich in einen Wettstreit der länder verwandelt hat, welcher nun zwischen den imperialistischen Blöcken stattfindet. Hierbei geht es darum, die Anleger zu beruhigen, dass ihre Banken nicht Bankrott gehen werden, und auch darum, von den Rettungsplänen anderer länder nicht übertroffen zu werden, damit diese die Bankeinlagen oder das Investitionskapital nicht an sich binden. Wie Kenneth S. Rogoff, Wirtschaftsprofessor in Harvard und Berater John Mc. Cains formulierte:“ Die Europäer haben nicht nur einen Rettungsplan vorgelegt, sondern uns auch zum Handeln gezwungen“.

Die europäischen Staatsführer sind schnell auf dasselbe Pferd aufgesprungen: „Das Ausmaß, der Ehrgeiz und die potenziellen Kosten der angekündigten Hilfsprogramme, die die europäischen Staatschef wie Gordon Brown, der französische Präsident Nicolas Sarkozy sowie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel gestern anregten, verfolgten das Ziel, eine Antwort auf die Herausforderung der Finanzkrise mittels aufeinander abgestimmter Aktionen zu geben. Dabei wurde ein Grad an Führungskraft bewiesen, der Washington, die Weltwirtschaftsmacht, auf den zweiten Rang verwiesen hat. „Europa wurde mehr als die Vereinigten Staaten in die Pflicht genommen“, sagte Sarkozy, der die europäische Ratspräsidentschaft innehat, als er das 360 Milliarden Euro umfassende Hilfspaket für Frankreich angekündigte. „Die europäischen Politiker übertreffen die Vereinigten Staaten in ihren Anstrengungen, um die Krise zu lösen“, urteilte die italienische Bank „Unicredit“. Aber mehr noch als die „Kühnheit“ der europäischen Regierungen ist der nie da gewesene Verlust an Einfluss der USA im Finanzsektor zu betonen. Dies hebt die folgende Analyse hervor: „Seit der Schaffung des Währungssystems von Bretton Woods im Jahre 1944 ist eine jede weltweite, bedeutende Initiative finanzpolitischer Art von der Regierung der Vereinigten Staaten ausgearbeitet, angeführt und koordiniert worden. Diese Führung bedeutete nicht, dass die USA in Finanzangelegenheiten sich stets durchgesetzt hätten, noch dass die Koordinierung von Maßnahmen durch Vereinigten Staaten immer ausschlaggebend gewesen wäre, was der Zusammenbruch von Bretton Woods im Jahre 1971 unter Beweis stellt. Aber dies bedeutete, dass nie der Versuch unternommen wurde, im internationalen Finanzsektor Ideen und Maßnahmen zu initiieren; im Gegenteil, diese kamen stets aus Washington. Die einzige Ausnahme von dieser eisernen Regel in den letzten dreißig Jahren stellt die Einführung des Euro dar, aber dies wurde von Washington als eine interne Angelegenheit betrachtet, deren globale Auswirkungen als begrenzt galten. Die aktuelle Weltbankenkrise stellt ein völlig neues Problem dar, auch da sie in den Vereinigten Staaten selbst entstanden ist. Noch vor einigen Wochen wäre eine lösung ohne die führende Rolle der USA undenkbar gewesen. In den letzten Tagen hat jedoch das Scheitern der Regierung Bush, das „Paket Paulson“ über 700 Milliarden Euro im Kongress durchzusetzen, die Aufmerksamkeit auf das Vakuum an Führungsstärke und Ideen in Washington konzentriert. Entsetzt angesichts der schwankenden Inkompetenz der Vereinigten Staaten im Umgang mit der Krise mussten sich die europäischen Politiker eingestehen, dass Henry Paulson, der US-Finanzminister, ein nackter Kaiser ist. Statt auf die Vorreiterrolle der USA zu hoffen, mussten sie die Verantwortung für die Probleme Europas selbst übernehmen. Bei diesem Versuch führt sie ein ungewöhnlich intellektueller Führer: der britische Finanzminister und Gordon Brown.“ („Reliance on the US will never be the same“, Anatole Kaletsky, The Times 13/10). Bei der politischen Krise und der fehlenden nordamerikanischen Führerschaft in der aktuellen Krise handelt es sich um keine Kleinigkeit. Sie ist Ausdruck derselben Schwäche im Bereich der Wirtschaft, die in geopolitischer Hinsicht in Georgien sichtbar wurde, als die europäischen Staatsmänner an Stelle der USA agieren mussten, um zu einer Vereinbarung mit Moskau zu gelangen. Hierbei handelt es sich um zwei nie da gewesene Situationen. Wenn es der neuen Regierung nicht zumindest partiell gelingt, diese Situation umzukehren, könnte dieser Mangel an nordamerikanischer Führung sich in einerseits einer Wette gegen den Dollar niederschlagen, wobei seine Fähigkeit zur Vermittlung in Mitleidenschaft gezogen werden könnte, die auf seinem Monopol die Reservewährung der ganzen Welt zu sein, beruht. Andererseits könnte der Verlust an Einfluss auf Seiten Nordamerikas die Notwendigkeit der verschiedenen internationalen Akteure beschleunigen, autonome Entscheidungen zu treffen, wie dies die europäischen Regierungen gemacht haben, um zu verhindern, dass die Krise sie verschlingt. Obwohl es noch verfrüht ist, Schlüsse zu ziehen, bevor das Ausmaß und die Perspektiven der Krise deutlicher sind, müssen die USA, egal welchen Ausgang die Krise nimmt, sich an die neuen Kräfteverhältnisse anpassen, die aus dieser Krise hervorgehen.

Was die EU betrifft, wird der Moment der Wahrheit kommen, wenn einige der schwächsten oder kleinsten länder nach Intensivierung des Deleverage-Effektes einem großen wirtschaftlichen Druck ausgesetzt sein werden. Da es ihnen unmöglich sein wird, wie in der Vergangenheit eine Politik der Abwertung anzuwenden, werden sie auf Spitzfindigkeiten hinsichtlich der Steuerpolitik und aller Wahrscheinlichkeit sogar auf den Beistand der stärkeren Mitgliedsländer zurückgreifen müssen, was die koordinierten Aktionen der letzten Tage auf den Prüfstand stellen wird.

Es bestehen weiterhin tief greifende Probleme im Finanzsystem

Die massiven Rettungsaktionen haben die Dynamik der letzten Wochen etwas abgemildert. In dieser Zeit drohte das internationale Finanzsystem aufgrund des Börsencrashes und der Panik, die sich auf den Märkten breit machte, zusammenzubrechen und noch bedeutender, die lähmung des Geldflusses zwischen den Banken, die sich bereits auf die Kreditvergabe an Unternehmen erstreckte. Aber das Finanzsystem hat weiterhin mit großen Problemen zu kämpfen. Das wichtigste Anzeichen dafür ist die Situation des Geldmarktes, die sich leicht, aber nicht ausreichend verbessert hat. Es gibt immer mehr Hinweise auf Liquiditätsengpässe, denn die europäischen Banken verwehren dem privaten Sektor und den Unternehmen Kredite, in dem Maße wie sie versuchen, ihre Kapitalausstattung wieder zu verbessern (hierbei handelt es sich um die Kapitalmenge, die erforderlich ist, um die Kreditrisiken aufzufangen). In Deutschland leidet bereits ein Fünftel der Darlehensgeber an Liquiditätsengpässen, wobei es sich im Vergleich zum Vormonat, als die Kredite noch unbehindert flossen, um einen dramatischen Anstieg handelt. Gleichzeitig geht der Prozess von zusätzlicher Deleverage der Bankenbilanzen weiter. Obgleich die Rekapitalisierung des Bankwesens helfen kann, diesen Prozess fortzuführen, wird sie kaum ausreichen, um das Kreditwesen angesichts des Risikos neuer potentieller Verluste zu stabilisieren. Aus diesem Grund haben einige Ökonomen die Idee aufgeworfen, über die aktuellen, von den europäischen Regierungen vorgenommenen Rekapitalisierungen hinauszugehen - im Falle Großbritanniens eine Teilverstaatlichung -, indem sie de facto eine zeitlich begrenzte Nationalisierung des Bankwesens anregten, als Möglichkeit, das Kreditwesen wieder funktionsfähig zu machen. „Die vor kurzem getroffene Entscheidung der FED, über das Bankensystem hinwegzugehen und dem Nicht-Bankensektor durch den Kauf von Handelspapieren auf direktem Wege Geld zu leihen, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Diese Maßnahme erlaubt es den Firmen, mittels langfristiger Kredite über Bargeld zu verfügen; eine Dienstleistung, die die Banken nicht mehr anbieten wollen. Aber dies ist nicht ausreichend. Die FED kann nicht alle Darlehensleistungen der Banken übernehmen. Nur die Regierung kann dies gewährleisten, indem sie zeitweise die privaten Banken in die öffentliche Hand überführt. Somit kann sie in Folge dem Management dieser verstaatlichten Banken anordnen, sich gegenseitig Geld zu leihen. Diese sogenannte Umwandlung (nennen wir sie vorübergehende Nationalisierung) wird es ermöglichen, den monetären Austausch zwischen den Banken wieder anzukurbeln und den freien Kreditfluss zu reaktivieren („Temporary full state ownership is only solution“, Paul de Grauwe, Financial Times 9/10).

Gleichzeitig gibt es beunruhigende Berichte, deren zufolge weitere Kreditmarktsektoren eine dramatische Verschlechterung erleiden, wie die Kreditkartenverschuldung oder die Verschuldung durch den Automobilerwerb. Für einige könnte diese Entwicklung zur nächsten subprime Krise führen. Ein Beweis sind schon jetzt die Auswirkungen, die die Aussetzung von Zahlungen auf die Unternehmensbilanz des letzten Trimesters von General Electric hatte. Das Unternehmen stellte dar, dass die zunehmenden defaults von Kreditkarten und anderer Darlehen es dazu zwang, bis zu 1000 Milliarden Dollar zurückzuhalten, um die Verluste diesen Jahres zu decken. GE Capital, das mehr als die Hälfte der Einnahmen darstellt, könnte in diesem Jahr Verluste bis zu 6600 Millairden Dollar und bis zu 9000 Milliarden Dollar im Jahre 2009 (vor Abführung der Steuern) verzeichnen, was in erster Linie auf die verschlechterte Finanzsituation der Konsumenten zurückzuführen ist.

Vor diesem Hintergrund gibt es warnende Stimmen angesichts des schlimmsten ökonomischen Szenarios seit Jahrzehnten. Darunter der Ökonom der Schweizer Bank UBS George Magnus, der seit den von den europäischen Regierungen und dem G7 gefällten Entscheidungen wieder etwas ermutigendere Anzeichen sieht, um den „Augenblick zu stoppen, in dem die Instabilität des Finanzsystems so groß wird, dass nur eine außergewöhnliche und unmittelbare Einflussnahme der Regierungen auf globaler Ebene auf die Ursachen dieser Instabilität einen systematischen Zusammenbruch des Banksystems verhindern kann, in deren Strudel auch die Nichtfinanzunternehmen gezogen werden könnten.“ Trotzdem benennt er vier Gefahrenquellen, die weiterhin bestehen: Selbst im Falle, dass ein Zusammenbruch des Finanzsystems verhindert werden kann, sollten wir die Illusion nicht aufrechterhalten, dass der Deleverage-Effekt im Finanz- und Wohnungssektor aufzuhalten sein wird. Daraus ergeben sich vier große Kampfszenarien: Zunächst besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass es noch mehr Spannungen und Zusammenbrüche im Finanzsektor geben wird. Noch liegt der Geldmarkt am Boden und seine Erholung wird dauern. Zweitens die Zahlungsunfähigkeit, der Vorzug von Instrumenten wie Bargeld, das selbst den Staatsanleihen vorgezogen werden wird und eine bemerkenswerte Ausweitung des Angebots an Staatsanleihen wird die Gefahr eines verfrühten Zuwachses der Erträge aus den Anleihen erhöhen. Drittens kann sich die globale Rezession, die bereits begonnen hat, weiterhin verschärfen - und sie wird bestimmt länger als erwartet sein. Dies wird weitere Finanzrisiken nach sich ziehen. Viertens verdient ein viel langsameres Wachstum und das Risiko weiterer Finanzkrisen der privaten Haushalte in aufsteigenden Märkten unsere Aufmerksamkeit („Is there time to avert a Minsky meltdown?“, George Magnus, Financial Times 13/10).

Der Wirtschaftswissenschaftler Nouriel Roubini hebt seinerseits hervor, dass sich die Regierungen, nachdem sie den Zusammenbruch des Systems bereits vor Augen hatten, für eine aggressive Politik entschieden hätten, aber er warnt auch, dass die versprochene Summe für die Rekapitalisierung der Banken kaum 50% abdeckt und fordert keynsianistische Maßnahmen wie den Anstieg öffentlicher Ausgaben oder andere, noch populistischere wie den partiellen Erlass der Hypothekenschulden als mögliche Vorgehensweise, um die interne Nachfrage anzukurbeln. Für Roubini bildet nur die konsequente Anwendung einer solchen Politik den Unterschied zwischen einer wendepunktartigen wirtschaftlichen Erholung, die zwischen 18 und 24 Monaten in Anspruch nehmen würde, und einem Jahrzehnt wirtschaftlicher Rezession wie in Japan.

Der nächste wunde Punkt: die Härte der internationalen Rezession

Unvermeidbar wird eine tief greifende Rezession sein, was sogar Bill Gates zugegab, der die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten auf 9 % beziffert, eine Zahl, die weit oberhalb der Schätzungen der Analysten liegt. Es bleibt zudem abzuwarten, ob die ergriffenen Maßnahmen ausreichen wird, um eine Depression zu vermeiden, die durch fehlende interne Nachfrage und Deflation gekennzeichnet ist. Diese Aussicht hat am 15. Oktober das Vertrauen der Investoren zerstört. Der noch am 13. Oktober vorherrschende Optimismus dank der Rettungspläne, die auf beiden Seiten des Atlantiks auf den Weg gebracht worden waren, ist angesichts der Möglichkeit einer Rezession vergangen, die von der FED erörtert wurde, und dem Schrumpfen des Umsatzes des Kleinhandels, der im September 1,2% erreichte. Das Vertrauen ist nicht leicht wiederzugewinnen. Als die europäischen Börsen ein Minus von 5% verzeichneten, konnte Wall Street nicht anders, als sich der Panik anschließen, die durch die fragile Situation der Weltwirtschaft ausgelöst worden war. Somit sank der Dow Jones um 7,87 %, der Standard&Poor 500 um 9,03% und der Nasdaq um 8,47%.

Laut FED wurde die wirtschaftliche Aktivität im September stark geschwächt. Ursache hierfür waren zum einen der Rückgang der Investitionen und zum anderen die Reduzierung der Ausgaben von Seiten der Konsumenten. Dem sind die Worte ihres Präsidenten Ben Bernanke hinzuzufügen, der versicherte, dass bei „Einschränkung des Kreditflusses in Richtung Haushalte, Handel und lokaler und staatlicher Verwaltungen die Finanzturbulenzen und der Druck auf die Finanzinstitute eine ernstzunehmende Bedrohung für das Wirtschaftswachstum darstellen“. In einer vor dem Wirtschaftsclub von New York gehaltenen Rede beharrte er erneut darauf, dass „die Turbulenzen am Finanzmarkt eine ernstzunehmende Bedrohung für die nordamerikanische Wirtschaft darstellt“.

Aber diese Aussicht gilt nicht nur für die Vereinigten Staaten, sondern für die ganze Welt: Der Baltic Dry Index, ein wichtiger Preisindex für das weltweite Verschiffen von Hauptfrachtgütern (hauptsächlich Kohle, Eisenerz und Getreide) auf Standardrouten ist in den letzten Tagen um 20% gefallen. Dies könnte auf einen Verfall der chinesischen Wirtschaft hindeuten, der schneller als erwartet erfolgt. Hinzu kommt die Sorge, dass die Finanzkrise die Finanzierung des internationalen Handels in Mitleidenschaft gezogen haben könnte. Die Exportländer Südostasiens wie z.B. Korea, eine der wichtigsten Ökonomien der Welt, befinden sich in ernsthaften Schwierigkeiten. Die Financial Times berichtet, dass „falls jemandem entgangen ist, dass eine der erfolgreichsten Exportnationen der Welt sich in Schwierigkeiten befindet, teilte kürzlich Herr Kang, der Finanzminister, in einer Parlamentssitzung mit, dass „sich abgesehen von den Exporten alles, einschließlich der Investitionen, des Konsums, der Beschäftigung und der aktuellen Rechnungsbilanz, eine Tendenz aufweist, die der während der asiatischen Krise ähnelt“. Und er fügt hinzu: “Diesmal könnte man sagen, dass Korea als Opfer seines eigenen Erfolges ist. Auf makroökonomischer Ebene muss ein Land, das mehr als 40% seines BIPs durch Exporte erwirtschaftet, mit einer immer weiter zurückgehenden Nachfrage seiner Güter von Seiten der westlichen Welt umgehen muss. Firmen wie Samsung und LG beliefern die ganze Welt mit Produkten, die von Computerchips über Handys bis zu Fernsehern und Kühlschränken reichen. Corea ist die führende Nation im Schiffsbau. Hyundai hat die größte Autofabrik der Welt in seinem südlichen Landesteil Ulsan gebaut, das einen Tiefseehafen besitzt, der ausschließlich dazu dient, pro Jahr eine Million Autos zu verschiffen“ („Sinking feeling“, Financial Times 13/10). Diese Situation stößt auf den Verfall des Finanzsystems als Folge der massiven Verschuldung der Unternehmen und Haushalte, vergleichbar mit der in den Vereinigten Staaten, vor dem Hintergrund der verschärften Bedingungen des internationalen Kreditmarktes, was das Land extrem verletzlich macht.

Auf der Liste der gefährdeten länder steht Südkorea ganz oben. Es hat eine enorme Auslandsverschuldung. Die Gesamtheit der kurz- und langfristigen Darlehen beläuft sich auf 400 Milliarden Dollar und liegt damit weit über dem Niveau der letzten Krise sowohl im Nennwert als auch im Verhältnis zum BIP. Die aktuelle Rechnungsbilanz befindet sich zum ersten Mal seit der Krise 1997-1998 in den roten Zahlen. Die Investitionen ausländischen Kapitals regieren sehr empfindlich auf Richtungswechsel - die Ausländer sind in jedem der letzten vier Jahre Nettoverkäufer auf dem Börsenmarkt gewesen [...]“.

Doch der Abschwung in China, der schneller als erwartet stattfindet, könnte der Gnadenschuss für die gesamte Weltwirtschaft sein. Und dieser Prozess scheint gerade in Gang zu sein. Der Manager von Rio Tinto, eines der zwei größten Bergwerke der Welt, sagte, dass „ bereits ein deutlicher Rückgang der chinesischen Nachfrage an Rohstoffen im Vergleich zu der überhitzten Nachfrage im Jahre 2007 festzustellen [ist]“, und er fügte hinzu, dass „die Mehrzahl der chinesischen Aluminiumprodukte im Moment große Verluste
verzeichnen“ (Financial Times, 15/10). Eine ähnliche Ansicht legt der Korrespondent der argentinischen Tageszeitung Clarín dar: „[...] der Minister Wang Chen, aus dem Informationsbüro des Staatsrates, legt während des Abendessens mit bewegender Offenheit dar, wie sich die Situation verändert hat. Die Auswirkungen werden sehr groß sein. China beobachtet das Phänomen, und wir haben Veränderungen hinsichtlich der Entwicklungsstrategie vorgenommen, kommentiert er. Für seine Regierung ist der gebräuchliche Vergleich mit der Krise von 1929 übertrieben, aber er unterstreicht, dass wir der Ansicht sind, dass sich die Vereinigten Staaten am Rande einer Rezession befinden. Zudem hat die Krise destruktive Auswirkungen in Europa gehabt. Wir sind das zweitwichtigste Exportland, aber im Moment können wir viele Produkte nicht exportieren.

Wie schlägt sich dies in der Produktionskette wieder? Kleine und mittlere Unternehmen im Osten und Westen des Landes sind Bankrott gegangen. Und es gab extreme Fälle, in denen Unternehmer Selbstmord befangen haben. Doch trotz allem haben wir viel weniger Firmenzusammenbrüche gehabt als der Westen.“ (China: Ola de quiebras, suicidios y cambio de planes por la crisis, Clarin 15/10).

Ein weiterer Beweis dafür, dass die Situation sich schneller als angenommen verschlechtert, ist die niedrige Zinsrate der letzten Woche. Der Immobilienmarkt, der neben dem Autoverkauf eine der Hauptquellen der internen Nachfrage darstellt, ist geschwächt. Mögliche, ernstzunehmende Verluste des Immobilienmarktes im Laufe des nächsten Jahres werden sich mit großer Sicherheit im Bankensektor niederschlagen. Obwohl nur wenige ein BIP unter 8 % prognostizieren, kann die Möglichkeit eines schlimmeren Szenarios nicht ausgeschlossen werden, die ein deutlicherer Abschwung zur Folge haben könnte, falls der Verfall des Immobilienmarktes einen deutlichen Rückgang der privaten Investitionen zur Folge haben wird.

Der rasante Fall Chinas hätte enorme Auswirkungen auf die Rohstoffmärkte und die länder, die von diesen abhängig sind. Seine Rolle als abschwächender Faktor in der heftigen wirtschaftlichen Rezession der imperialistischen länder würde ebenfalls in Frage gestellt werden. Die internationale Rezession könnte ihrerseits neue Spannungen und Finanzkrisen auslösen. Kein Land wird unbeschädigt daraus hervorgehen.

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